Montag, 15. Oktober 2012

BMW R1200 GS (LC)

BMW R1200 GS (LC). Foto: ©BMW AG
Oktober 2012, Motorradmesse Intermot in Köln. BMW präsentiert seine neue 1200 GS mit luftwassergekühltem Boxer-Motor. Die Weltneuheit mit "E-Gas", "Dynamic ESA", "ABS" und "ASC"... Warum läßt mich dieses hochtechnisierte Motorrad völlig kalt?

Aber ja, natürlich kann eine R1200 GS Baujahr 2012 (und wohl erst recht die Neue) alles viel, viel besser als meine über 30 Jahre alte R60/7. Wenn so eine Maxi-Enduro, sei es auf der Autobahn oder auf der Landstraße, mühelos an einem vorbeisäuselt, kommt man nicht umhin zu akzeptieren, dass sich in den letzten Jahrzehnten im Bereich der Fahrzeugtechnik extrem viel getan hat. Das ist auch nicht mein Problem.

Das Motorrad will nicht schön sein

Ein sehr wichtiger Punkt: Die GS-Brummer sind häßlich. Natürlich folgt das Design den praktischen Anforderungen; aber warum will es nicht schön sein? Windschild, Tankverkleidung, die sichtbaren Komponenten des Einspritzsystems, Kühler, der offene Gitterrohrrahmen: alles funktional legitimiert, aber zerklüftet ausgeführt und insgesamt unharmonisch in der Anmutung. Und das Herzstück eines jeden Motorrads, der Motor, verliert sich fast unter dem ganzen Verkleidungswust. Warum zeichnet das keiner bei BMW mal schlanker und wie aus einem Guß, vielleicht auch mit mehr Reminiszenzen an die Zweirad-Vergangenheit? Die Autos haben ja auch immer die BMW-Niere im Kühler und den so genannten Hofmeister-Knick in der C-Säule des Dachs. Die Wahrheit ist, dass kein BMW-Motorrad mehr an die klassische Schönheit der R100 RS von 1976 heranreichen konnte und die Entwickler der bayrischen Zweiräder diesen Zustand bis heute billigend in Kauf nehmen. Wirklich schade. Jenseits der Alpen, in Italien, scheint die Balance zwischen Ingenieuren und Designern in den Entwicklungsteams zu stimmen. Auch wenn man die Gestaltung nicht unbedingt mag: Eine moderne Ducati Hypermotard, Ducati Multistrada oder Husqvarna Nuda wollen nie nur technisch überzeugen. Das liegt mir mehr.

Digitaler Fetischismus

Die neue wassergekühlte GS hat "E-Gas". Dahinter verbirgt sich ein elektronisches System bestehend aus Sensor-Gasgriff, Servomotoren an den Drosselklappen und einem Motorsteuergerät, das die Kraftentfaltung des Motors regelt. Damit verbunden, lassen sich auch das Schlupfregelungssystem "ASC" und das Antiblockiersystem "ABS" an die Fahr-Modi "Rain“, „Road“, „Dynamic“, „Enduro“ und „Enduro Pro“ variabel anpassen. Hinzu kommt das semiaktive Fahrwerk "Dynamic ESA" mit einer Federwegssensorik, das sich in Sekundenbruchteilen auf verschiedenste Straßenverhältnisse und Fahrzustände (etwa eine Vollbremsung) einstellt. Allmächtiger!

Hier mögen Ingenieure und die GS-Zielgruppe mit der Zunge schnalzen, mich graust es vor diesem digitalem Fetischismus. Ist mir in dieser Summe einfach zuviel und erscheint mir eher wie eine Degradierung. Der ideale Motorradfahrer sollte doch schon aus Tradition über profunde Kenntnisse seines persönlichen Fahrkönnens und über die Leistungsfähigkeit seines Motorrades verfügen. Oh ja, der Erwerb dieser Erfahrung bedeutet durchaus Mühe und Einsatz (und gleicht darin dem Ethos von Reitern oder Seglern, die ihr Pferd beziehungsweise ihr Boot im Griff haben sollten). Und man kriegt das nicht geschenkt; der Besitz erfüllt dann aber umso mehr mit Stolz. Doch beim Kauf einer modernen GS scheint dieses Können im Preis mitinbegriffen, zum Konsum freigegeben zu sein. Das dreht die Kunst des Motorradfahrens irgendwie hin zur Läppischkeit, und das gefällt mir nicht.

Und noch etwas gehört zum Motorradfahren: die eigenhändige Wartung und die Fähigkeit zu kleineren Reparatur. Sollten Defekte die moderne CAN-Bus-Bordelektronik der GS befallen, so muss das Motorrad ohne Zweifel direkt in die Fahrwerkstatt. Auch diese Zwangsläufigkeit nagt an dem Selbstverständnis des traditionsbewußten Maschinisten. So fahre ich auch gerade deshalb ein altes BMW-Motorrad, um der Allgegenwart der IT-Technik im Alltag zu entkommen.

Was mir eher gefiele

BMW fährt offensichtlich gut damit, modernste Technik auf Automobil-Niveau in seine Zweiräder zu stecken. Und die teuren GS-Modelle führen die Verkaufsstatistiken europaweit an. Schön für BWW. Dennoch wäre mir eine ähnlich traditionsbewußte und emotionale Marketing-Strategie à la Harley-Davidson recht, bei der technisch zurückhaltende Motorräder durch stilgerechtes Equipment individuell verändert werden können. Hier wäre ein Motorrad-Romantiker wie ich gut aufgehoben.

Webseite: BMW Motorrad Deutschland








Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen