Dienstag, 8. Mai 2012

Aspes Navaho

1980, eine Kleinstadt in Hessen, 16. Geburtstag: Das erste Mokick! Keine Hercules, Kreidler, Zündapp (alle zu teuer), Honda (gefiel nicht) oder sonstwas. Eine Enduro mit 50 ccm aus Italien mußte es sein. Ab jetzt mobil auf zwei Rädern, mit variabler Reichweite je nach Taschengeldlage. Zum Kino in die Stadt, zu den Badeseen im Umland, Dorfdiscos, Open Air-Konzerte, zur ersten (zweiten, dritten) Freundin... unvergesslich.

Doch schnell folgte die Aufklärung durch Zeitschriften und Vergleiche auf Parkplätzen: Die angeschaffte Malaguti Ronco 50 war nur die Billigvariante einer richtigen Geländesport(GS)-Maschine! Die wahren Kracher hießen Aspes, Fantic oder Beta. Mein Erweckungserlebnis hatte ich beim Anblick von Oliver und Stephan, zwei der lässig-coolen Jungs unserer Jahrgangsstufe, die eines Tages mit ihrer Aspes und Beta "im Parallelflug" eine ca. 1,50 Meter hohe Treppe förmlich emporsprangen, um so schneller zu den Abstellplätzen für ihre Mokicks zu gelangen. Die Jungs präsentierten diese Szene mit solch einer unerhörten Beiläufigkeit, wie man sie heute aus Surfer- und Skateboardfilmen kennt: Da ist halt ´ne Treppe, na und? In diesem Augenblick war mir absolut klar, dass ich so ein Wunderding mit Stollenreifen haben muss, muss, muss!

Bis dahin hieß es erstmal glotzen, alle Details, stundenlang. Schon der Blick auf den transparenten Kunststofftank einer Aspes Navaho mit dem darin schwappenden Benzin vermittelte das Bild absoluter Professionalität - und war im höchsten Maße begehrenswert. Hochwertige Alu-Felgen, Federgabel, Stoßdämpfer, Kastenschwinge, Metzler-Reifen, Schnellverschlüsse für die Seitenabdeckungen undundund... diese wunderbare Italienerin mit dem indianischen Namen war meine erste große Liebe. Doch der Sinn für Schönheit im Detail kann ein wirklicher Fluch sein, wenn kein Geld dafür da ist. Irgendwann hatte ich schließlich auch eine (Aspes Navaho RCR 50 Standard), und diesen Grad an jugendlicher Freude und Besitzerstolz erreichst du als Erwachsener dann fast nie mehr. Das war schön. Und wenn heute mal einer mit synthetischem Bel-Ray Zweitaktöl im Roller vorbeifährt, sind die Erinnerungen sofort wieder da.

Aspes Navaho - meine Ikone der frühen 1980er Jahre


Beim Stöbern nach Informationen zur Marke Aspes bin ich auf die Webseite www.aspes-navaho.de von Karl Georg Schleibinger aus Bensheim gestoßen, der mit viel Liebe und Sorgfalt umfangreiche Informationen zu Aspes und anderen kleinen GS-Marken zusammengefügt hat und sogar Kleinteile nachfertigt. Klasse!

Programm von 1980. Die RCR 50 links oben war mein Favorit
Foto oben: Richtig begeistert haben mich die Pdf-Kopien der alten Prospekte und Beiträge in zeitgenössischen Magazinen, die auf www.aspes-navaho.de zu finden sind. Die schwarz-weißen Prospekte waren sehr selten und hatten bei uns im Freundeskreis Ikonen-Status. Das kann man sich heute, im Zeitalter der unmittelbaren Verfügbarkeit sämtlicher Informationen via Internet, gar nicht mehr vorstellen. Ich habe die Dinger damals wieder und wieder vor dem Einschlafen betrachtet...

Foto unten: Der nächste Prospekt ist für mich ebenfalls ein Klassiker. Hier war erstmals der bereits erwähnte Kunststofftank in Farbe zu sehen (auf dem sich die Aufkleber übrigens nie lange hielten). Die Kotflügel und Seitendeckel waren von der Firma Stilmotor, transparent, sehr biegsam und profimäßig. Weitere Details: Die Kastenschwinge hatte ein Kettenführungssystem und die Federbeine Ausgleichsbehälter. Wegen der langen Federwege ging die Aspes auch bei kleinen Sozias hinten mordsmäßig in die Knie. Das sah aber gut aus. Und eh ich´s vergesse: Leistung aus den Minarelli-Motoren herauszuholen war überhaupt kein Problem, da die Drosselungs-Kits für den deutschen Markt sehr primitiv waren. Wer mehr wollte, bekam beim Händler alles Notwendige. "Natürlisch nur fürn Rennsport, Bubb, nätt für die Straß!" Natürlich, klar, sowieso... Und hessische Dorfpolizisten waren auch nicht gut darin, bei Verkehrskontrollen die Tricks an den Italienerinnen zu erkennen. Wenn der Auspuff nicht zu laut war, kam man in der Regel davon.

Die Naben waren konisch; Bremsanker vorne und hinten


Der Hit: RCL 80 Spezial. Die ellenlange Tachowelle war schnell ab.

Foto oben: Die grandiose Aspes Navaho RCL 80 Spezial war das letzte Mokick, von dem ich geträumt habe. Riesengroß, mit superlanger Telegabel und mächtigen, gasdruckunterstützten Federbeinen hinten. Dazu goldeloxierte Felgen und, als 80er, leistungsmäßig gut im Futter. Die Begeisterung hielt aber nicht lange an, denn der Einser-Führerschein und richtige Motorräder kamen in Reichweite (mit dem Einser-Führerschein durfte man damals als 18-Jähriger sofort auf die großen Motorräder steigen! Saugefährlich, aber leider geil). Am Ende wirkten auch die Aspes Navaho und ihre Schwestern nur noch niedlich - der Nimbus der 50er und 80er Geländesport-Mokicks war erloschen. 1985 verschwand die Marke Aspes vom Markt.

Was nimmt man jetzt mit aus dieser Zeit? Zum einen die Magie der Gerüche. Das mit dem Zweitaktöl hatten wir schon (hing auch in der Kleidung fest - wir rochen alle wie Tankwarte). Dazu gehört aber auch der intensive Haar- und Staubgeruch des Helmfutters. Oder der Genuß am Respekt der anderen Mokickler, die einschätzen konnten, was hier vor der Eisdiele stand. Der Spaß, sich ganze Nachmittage lang wie echte Crosser durch den Schlamm zu wühlen und die Mühle am nächsten Morgen vollverkrustet vorm Schulhof zu parken. Oder: Papa fragte plötzlich nicht mehr nach Mathe-Noten, sondern half beim Kupplungswechsel. Noch besser: Papa war ratlos und konnte nicht helfen. Die Augen der Freundin hinter dem Visier des Integralhelms... alles richtig, alles wichtig. Aber die intensivste Erfahrung (ein wunderbar passendes Wort) war die bis dato unbekannte Lust an der freien Fahrt, an der Ziellosigkeit, nur der Nase nach. Fahren und gucken, unterwegs sein, nicht "da" sein, irgendwo sein, Kurve um Kurve.

Ich denke, nein ich wünsche mir, irgendwie sollte es wieder in diese Richtung gehen! Mehr als 50 ccm dürfen es aber schon sein.

Kommentare:

  1. Anonym2/13/2013

    Schöner Bericht. Ich hatte auch eine 50er Aspes. Es war genial. Wirklich jeden Tag ins Gelände...schon auf dem Weg zur Schule.
    Übrigens habe ich meine auch 1980 bekommen und wohnte in einer kleinen Stadt in der Nähe von Kassel ;-)

    AntwortenLöschen
  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen
  3. Ich kann alles nur bestätigen. Ich hatte 1980 trotz üblicher Vergaser- und Ritzelmauscheleien nicht das schnellste, aber (dank eines 'ausgeräumten' Auspuffs) mit Sicherheit das lauteste "Mopped" im Ort. Und wie erwähnt die meistbeachtetste 50er.
    Und da es damals auch noch offene (dh. befahrbare) Baggerseen und Kiesgruben und im Münchner Westen das Panzergelände gab, waren mein Spezl (Navaho schwarz) und ich (Navaho rot) jeden Tag im Gelände. MIt allen Schikanen (ständig Feuchtigkeit im Zündkerzenstecker bei Regen etc.) und inklusive kaputter Körperteile dank einiger böser Stürze, die die Aspes besser weggesteckt hat als ich ;-)
    Geiles Mokick, geile Zeit! Danke Aspes und danke an Leute wie euch, die die Erinnerung wach halten.
    WL

    AntwortenLöschen
  4. Anonym5/18/2014

    Ein toller Bericht !!
    Da werden doch gleich wieder die Jugenderinnerungen wach, ich hatte derzeit eine 50er und mein Nachbar sogar die 80er und wir waren sicher die ausgefallenste Mopedfahrer im ganzen Umkreis.
    meine war sicher nicht die schnellste 50er dafür hörte und kannte mich jeder und im Gelände hatten die Yamaha und Honda 80er sowieso keine Chance.
    Leider hatte mein Getriebe irgendwann den 1sten Gang eingebüst und ein Hochstart war nicht mehr möglich was den Spaß an meiner Aspes keineswegs eingetrübt hat.
    Eine geile Zeit und ein Moped das die krassesten Stürze besser Wegsteckte als ich selber

    AntwortenLöschen